Warum schlafen wir?

Warum müssen wir schlafen? Die Somnologen – jene Wissenschaftler, die mit Schlafforschung und Schlafmedizin befasst sind – haben darauf keine einheitliche Antwort. Fest steht nur, dass der Schlaf für Mensch und Tier zur Selbsterhaltung notwendig ist. Zusammen mit Atmung, Wärme, Essen und Trinken zählt er zu den Existenzbedürfnissen. Ratten sterben, wenn sie sieben Tage am Schlafen gehindert werden. Auch für Menschen würde langfristiger Schlafentzug vermutlich tödlich enden. Zum Selbstschutz schaltet unser Gehirn im Notfall in einen Sekundenschlaf – ein Schutzmechanismus, der im Straßenverkehr leider oft Unfälle zur Folge hat.

warum wir schlafen

Der Brite Tony Wright gilt als Weltrekordhalter im freiwilligen Wachbleiben. 266 Stunden – mehr als 11 Tage – tat er kein Auge zu. Die Beschreibungen der Bewusstseinszustände, die er in diesem Zeitraum erlebt hat, erinnern an die Tripberichte mancher Drogenkonsumenten. Der letzte Rekordhalter, dessen Leistung ins Guinnessbuch aufgenommen wurde, ist der US-Amerikaner Randy Gardner. Im Rahmen eines medizinischen Versuchs blieb er 264 Stunden wach. Der Militärarzt, der ihn begleitete, stellte Stimmungsschwankungen, Konzentrationsprobleme, Paranoia und Halluzinationen fest (siehe Spiegel online: Der Wachhalterekord des Tony Wright).

Dass der Schlaf eine Erholungsfunktion hat, ist für jeden aus eigener Erfahrung nachvollziehbar. Schon nach ein bis zwei durchwachten Nächten sind die meisten von uns kaum noch zu gebrauchen. Die einfachsten Aufgaben stellen unüberwindbare Hürden dar, die Laune ist auf einem Tiefstpunkt. Doch warum ist das so? Aus den zahlreichen wissenschaftlichen Erklärungsansätzen haben sich mehrere Hypothesen herauskristallisiert.

Evolutionsbiologen erbrachten den Nachweis, dass früh in der Geschichte des (einzelligen) Lebens eine Anpassung an den Tag- und Nacht-Rhythmus stattgefunden haben muss. Bei einfachen Mehrzellern wurden Ansätze von Schlafphasen nachgewiesen. Dies lässt die Vermutung zu, dass es zwischen der Leistungsfähigkeit des Gehirns und dem Schlafbedürfnis einen direkten Zusammenhang gibt.

Schlaf fördert das Immunsystem und die Wiederherstellung von beschädigtem Körpergewebe. Rattenexperimente wiesen nach, dass die Wundheilung langsamer verläuft, wenn die Tiere am Schlafen gehindert werden. Menschen, die gut schlafen, sind seltener krank.

Nach einer weiteren Theorie wird durch den Schlaf die Verarbeitung von Erlebnissen und Eindrücken des Tages ermöglicht und das Nervensystem von überflüssigen Informationen gereinigt. Diesbezügliche Experimente erzielten teils widersprüchliche Ergebnisse.

Als gesichert gilt, dass ein Zusammenhang zwischen Schlaf und Gedächtnisleistung besteht und das Gehirn während des Schlafens unbewusst Problemlösungen erarbeitet. In der Redewendung „eine Nacht darüber schlafen“ hat der Volksmund schon lange erkannt, dass es manchmal sinnvoll sein kann, bei wichtigen Entscheidungen das Kopfkissen zu befragen. Nachgewiesen ist auch, dass im Schlaf Inhalte in das Langzeitgedächtnis übertragen werden – was unter anderem wichtig ist, wenn wir neue Inhalte lernen wollen.

Experten sind weltweit damit beschäftigt, die bisher gewonnen Erkenntnisse zu einer umfassenden „Theorie des Schlafes“ zu vereinen. Dazu werden weitere Forschungen erforderlich sein und noch viele Jahre vergehen. Wenn es jemals einem Wissenschaftler gelingen sollte, wäre er ein würdiger Nobelpreiskandidat.

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